Start Allgemein Bergbaugeschichte mit neuen Erkenntnissen: „Ölschieferbergbau“ im westlichen Karwendel

Bergbaugeschichte mit neuen Erkenntnissen: „Ölschieferbergbau“ im westlichen Karwendel

Unter der Federführung der Gemeinde Reith bei Seefeld erfolgt im Rahmen eines Interreg-Projektes die wissenschaftliche Aufarbeitung der grenzüberschreitenden Bergbaugeschichte im westlichen Karwendel. Es werden von den Forschern dabei auch interessante, neue Erkenntnisse gewonnen.
„Die Abbaugebiete rund um die Reither Maximilianhütte kenne ich auch als geologischer Betreuer des Betriebes, ehemaliger Amtssachverständiger wie auch durch private bergbaulich-geologische Begehungen seit vielen Jahren recht gut. Dennoch entdecken wir im Zuge dieser Forschungsarbeit auch viel Neues. Die Zusammenfassung der Forschungsergebnisse wird so manchen Kenner auch überraschen.“ So zieht der ehemalige Landesgeologe und Lagerstättenkundler Peter Gstrein erste Zwischenbilanz ihrer laufenden Forschungsarbeit. Seit dem Frühjahr 2020 recherchieren der Montangeologe Peter Gstrein und sein bayerischer Kollege, der Bergbauhistoriker Peter Schwarz aus Grainau, bereits zum Thema „Ölschieferbergbau“ im oberen Isartal und den Tiroler Nachbargemeinden. Es werden dabei alle verfügbaren historischen Dokumente und Informationen aus den Partnergemeinden, den Archiven der Österreichischen Ichthyolgesellschaft (Maximilianhütte) und den jeweiligen Landesarchiven sowie der Münchner Staatsbibliothek gesichtet und gesammelt. Parallel dazu erfolgt die fachliche Erkundung in den einstigen Abbaurevieren. Die Fülle an den teilweise noch in Kurrentschrift verfassten Informationen und die gewonnenen Ergebnisse aus den Arbeiten im Gelände werden in einer wissenschaftlichen Arbeit zusammengefasst. Der Zeitraum der Betrachtung erstreckt sich von den gesicherten Anfängen des Gewinnens im 16. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Das Ziel des Projekts ist die Aufarbeitung der gemeinsamen Bergbauhistorie. Es gilt dabei, das Wissen rund um dieses kulturelle Erbe für die Nachwelt zu bewahren.
Schon jetzt wissen nur noch wenige um die große wirtschaftliche Bedeutung dieses Bergbaus in unserer Region. Dabei haben die Bergleute bis in die 1960er Jahre vielen Familien in unserer Grenzregion den Lebensunterhalt gesichert.
Bereits im 16. Jahrhundert wussten die Bauern der Region um die entzündungshemmende Wirkung des aus dem Ölschiefer gewonnenen und stark nach Bitumen riechenden Öls. Sie haben dieses aus dem Ölschiefer mittels Schwelung gewonnen und über sogenannte Dirschler oder Ölträger damit gehandelt. Steinöl wird auch Schieferöl, „Dürschöl“ und Bergöl genannt.
Die Entstehung des wertvollen Wirkstoffs geht auf eine Zeit vor rund 200 Millionen Jahre zurück, als das Gebiet des heutigen Karwendels noch eine flache Lagune war. Organisches Material lagerte sich am Lagunengrund in der Sedimentbauzone ab. Durch bestimmte Bakterien wurde dieses in eine ölartige Substanz umgewandelt. Diese Gesteinslage wurde durch die weiterlaufende Ablagerung von Sedimenten im Gestein eingeschlossen beziehungsweise überdeckt. Dass diese Lagerstätten nun so hoch droben am Berg liegen, ist die Folge der Bewegungen im Rahmen der Gebirgsbildung in unseren heutigen Alpen. Noch heute findent sich in dem auffallend gut geschichteten Gestein bis auf eine Seehöhe von fast 2000 Metern Einschlüsse mariner Lebewesen.
Der professionelle Abbau samt Industrialisierung begann im 19. Jahrhundert und brachte der Region auch einen gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Aufschwung. In der sogenannten „Maximilianhütte“ (vielfach nur als „Maxhütte“ bezeichnet), benannt nach Erzherzog Maximilian Joseph von Österreich-Este, nahm auch die erfolgreiche Firmengeschichte der Hamburger Unternehmerfamilien Cordes und Hermanni ihren Anfang. Das letzte bitumenhaltige Gestein wurde hier allerdings bis zum Mai 1963 vom noch heute erfolgreichen Pharmaunternehmen „Ichthyol-Gesellschaft Cordes, Hermanni & Co“ abgebaut. Aktuell erfolgt in der dort angesiedelten Produktionsstätte der Ichthyol-Gesellschaft die Aufbereitung der aus dem firmeneigenen Bergbau Orbagnoux in Frankreich zugelieferten Rohöle, aus denen im Hamburger Hauptfirmensitz Arzneimittel hergestellt werden, die in der Dermatologie und Orthopädie zum Einsatz kommen.
Unter der Federführung der Gemeinde Reith bei Seefeld arbeiten in dieser von der EU geförderten Initiative die Gemeinden Reith, Seefeld, Scharnitz, Mittenwald, Krün und Wallgau zusammen. Mit im Boot sind auch die Tourismusorganisationen Tourismusverband Olympiaregion Seefeld und Alpenwelt Karwendel.
Um die gewonnenen Erkenntnisse auch Interessierten aus der Region zugänglich zu machen, sind für 2021 Vorträge von Peter Gstrein und Peter Schwarz geplant. Nach Corona-bedingter Absage eines ersten Vortragtermins im Herbst 2020 werden, sobald es die Situation zulässt, neue Termine fixiert. Auch soll am Ende des Projekts eine Kurzversion der wissenschaftlichen Arbeit für Interessenten zur Verfügung stehen.

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